Modebuchkritik: The Belgians
Welchen Stellenwert Belgien in der Modebranche hat, zeigt das Buch „The Belgians – An unexpected Fashion Story“ gleich zu Anfang mit einem simplen Beispiel auf: Raf [Simons] professes limitless admiration for Martin [Margiela], who is replaced by John [Galliano], who is in turn replaced by Raf. Soll heißen: John Galliano entwirft jetzt die Margiela-Mode und Raf Simons die Dior-Mode, die zuvor Galliano verantworte. Die Belgier sind also zumindest offiziell nicht mehr die Underdogs der hochpreisigen Mode, so viel ist klar. Aber wofür steht belgische Mode? Das zu entschlüsseln, hat sich das Buch zu der gleichnamigen Ausstellung, die von Juni bis September diesen Jahres in Brüssel zu sehen war und von Didier Vervaeren kuratiert wurde, zur Aufgabe gemacht. Ein Manifest belgischer Mode, wenn man so möchte, das ihre unterschiedlichen Facetten, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft analysiert.

Belgiens Mode-Pioniere: Die Antwerp Six
Und dazu gehören natürlich die Antwerp Six, denen sich ein ganzes Kapitel widmet. Hier kann man lernen, wer tatsächlich Teil dieser Gruppe war: Dries van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene und Marina Yee. Ich erwähne das an dieser Stelle, weil ich leider schon viel zu häufig falsche Konstellationen lesen musste. Auch in marktdominierenden, deutschen Modemagazinen. Meist ersetzt dann Martin Margiela eines der anderen Mitglieder; einmal hat es eine Redakteurin fertiggebracht, Walter van Beirendonck zu vergessen. Das Buch jedenfalls betitelt Margiela, der gemeinsam mit den anderen sechs in Antwerpen studiert hat, als das inoffizielle, siebte Mitglied. So soll es mir recht sein.
Dank dieser sieben Designer jedenfalls – und auch das erläutert das Buch aufschlussreich – hat die Pariser Modewelt verinnerlichen können, dass gutes Modedesign durchaus aus Belgien kommen kann. "Die sechs" (oder eben sieben) haben den Weg für die Generationen nach ihnen geebnet. Für Veronique Branquinho, A.F. Vandevorst und Haider Ackermann zum Beispiel, aber auch für Raf Simons und Jurgi Persoons, der zwar über die belgischen Grenzen hinaus weniger Bekanntheit genießt als die anderen, der an dieser Stelle aber nennenswert ist, da er der einzige gewesen sein soll, den Margiela sich selbst als Nachfolger für sein Label gewünscht hat. Darüber hinaus führt das Buch seine Leser und Betrachter (es gibt natürlich reichlich tolle Modebilder) schließlich hinter die Kulissen der internationalen und belgischen Modehäuser, etwa am Beispiel von Patrick van Ommeslaeghe, der einst für Balenciaga arbeitete, anschließend für Raf Simons bei Jil Sander entwarf und mittlerweile als Chefdesigner bei Ann Demeulemeester angekommen ist.

Der Nachwuchs, die Zukunft
Neben einer kurzen chronologischen Aufschlüsselung belgischer Mode ist das Buch in unterschiedliche Themen wie „Fashion & Art“, „Worldwide“ oder „Nouvelle Vague“ unterteilt – was absolut stimmig ist, um in die Essenz belgischer Mode einzutauchen. Mein Lieblingskapitel, das meiner Meinung nach viel über die belgische Mode aussagt: „Laboratories“, die Ausbildung. „Warum ist belgische Mode so stark? Weil die Ausbildung stark ist“, erklärte mir Didier Vervaeren im Gespräch. Im Buch liest man dazu ein spannendes Interview mit Walter van Beirendonck, Modeleiter der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen, und Tony Delcampe, Modeleiter der Universität La Cambre in Brüssel. Von Letzterer graduierten zum Beispiel Olivier Theyskens und Anthony Vaccarello.

Aber hat die belgische Mode denn eine Zukunft? Diese Frage habe ich Didier Vervaeren gestellt und diese Frage stellt auch das Buch. Immerhin: An der Akademie in Antwerpen sind mittlerweile 90 Prozent internationale Studenten. Didier antwortet so: „Die Modestudenten kommen wegen der Ausbildung hierher und die meisten von ihnen bleiben anschließend in Belgien ansässig. Sie haben hier den von Individualität geprägten belgischen Stil entwickelt, weil sie ihn hier studiert haben. Und sie geben nicht nur der belgischen Mode ein neues Gesicht, sondern heute als Chefdesigner auch internationalen Marken.“ Der Beginn einer neuen Ära. So antwortet übrigens auch das Buch.
The Belgians - An unexpected Fashion Story kostet 45 Euro und ist zum Beispiel bei Amazon erhältlich.
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Photo Credit: Karel Fonteyne, Ronald Stoops, Harley Weir
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