Die alberne Diskussion um Jogginghosen an Schulen
Eine Arbeitsgruppe soll diesen Dezember über Jogginghosen (und andere unangemessene Kleidung) an der Glemstalschule, einer Gesamtschule im schwäbischen Schwieberdingen, entscheiden. Die Schulleiterin kam auf die Idee, die Jogginghose zu verbieten, nachdem sich jemand über einen Schüler in Jogginghose beschwert hat. Die Medien überschlagen sich. Weniger hetzend als andere, berichtet die Süddeutsche >>> . Andere schreiben vom "Jogginghosen-Verbot" und titeln mit "Gefrustete Rektorin". Die Schulleiterin erhielt schon eine Drohmail, wie die Polizei bestätigte und die Stuttgarter Nachrichten berichtet.
Viele zitieren Karl Lagerfeld. Ich kann keine Nachrichtensprecherin mehr hören, die damit Karl Lagerfeld in die falsche Schublade steckt und auch keinen Artikel mehr lesen, der in diesem Zusammenhang seine Worte bemüht. Liebe Nachrichtenredakteure, nehmt doch nicht alte Zitate von einem Was-interessiert-mich-mein-Geschwätz-von-gestern-Philosophen her. Himmelt ihn an, klebt an seinen Lippen, aber doch nicht für seine alten Sprüche, die er selbst nicht mehr ernst nimmt, bzw. überdacht hat.
Anders. Schaut euch an, was er entwirft, nachdem er den schon legendären Satz „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren,” von sich gab...



Karl Lagerfeld zeigt sich längst mit Jogginghose – also händchenhaltend mit Model Cara Delevingne, die seinen Entwurf (sogar mit Mottenfraß-Löchern!) trägt, bei seinem Abschlusslauf der Wintermode 2014. Aktuell bietet er unter seinem Label 'Karl' eine Jogginghose in Schwarz für circa 175 Euro im Onlineshop an.
Er hat erkannt, dass die Jogginghose zum Zeitgeist gehört. Das ist nichts Negatives, von wegen "sich gehen lassen". Schauspieler, Sänger, Schauspieler: Wir kennen all' die Fotos der Stars, wie sie in Jogginghose eine Straße in Los Angeles entlang gehen, aus einem Flughafen laufen oder damit auf die Bühne gehen (Kanye West & Co.). Dabei handelt es sich um immer noch hart arbeitende, immer erfolgreicher werdende Menschen. Die Jogginghose ist längst zu einem modischen Stilmittel avanciert, das man auch ohne Bequemlichkeitsnot trägt, zum Blazer oder Sakko etwa.
Für Heranwachsende (liebe Arbeitsgruppe in Schwaben, versetzt Euch mal in ihre Lage!) ist die Jogginghose längst wie eine Jeans – sie gehört ins Repertoire der modischen Basics. Und es sind Männer wie Mark Zuckerberg, die heute als Vorbild gelten. Selbst für die Anzugträger in Konzernen. Man kann im Schlabberlook einen Weltkonzern aufziehen, ja, das geht. Manager probieren sich immer mehr in Outfits, die sie aus Palo Alto kennen, also vor allem dem Kapuzenpullover, dem Äquivalent zur Jogginghose für den Oberkörper. Was man früher mit einem adretten/eleganten Auftreten vortäuschte (Thomas Middelhoff), täuscht man heute mit eben dieser Kapuzenjacke oder Sneakers vor: Unternehmergeist.
Inspiration für das neue Bewerber-Auftreten von Bottega Veneta und Carven










Mir ist es also egal, wenn Schüler Jogginghose tragen. Mir würde es auch gar nicht auffallen – also nur aus modischem Interesse vielleicht. Es geht auch nicht darum, dass sich der Schüler eines Tages in einer Jogginghose um einen Praktikumsplatz bewerben könnte, wie die Schulleiterin in einem Interview sagt. Hä? Habt ihr euch mal angesehen, wie die jungen Unternehmer heute aussehen? Also hier in München tragen sie eine Mischung aus Baggy-Pants und Jogginghose. In Berlin eh und in Schwaben kommt das auch noch bis die Schüler sich bewerben und dann vermutlich eh erst einmal über Skype oder eine selbst programmierte App. Das mit der Kleidung kriegen die schon selbst hin – damit kennen sie sich im Zweifel auch besser aus. Es wäre nur schön, wenn die Schüler heute und dann – in verantwortlicher Position – anderen nicht vorschreiben, welche Hose sie zu tragen haben.
Photo Credit: Catwalkpictures
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