Nervt die Gucci-Nostalgie?
Kathrin Bierling

Nervt die Gucci-Nostalgie?

Gestern zeigte Gucci, das aktuell meist gefeierte Traditionslabel, seine Herbst/Winterkollektion 2016/17 in Mailand. Chefdesigner Alessandro Michele (seit 2015 Creative Director des Marke) blieb dabei seinen mit Reminiszenzen überladenen Outfits treu. Man könnte kritisch nach der neuen Richtung fragen, wie es heute Modejournalistin Vanessa Friedman in der New York Times tat. Ihr ist es zu viel Dekoration und zu wenig Extrakt. Wenn ich sie richtig verstehe (hier geht es zum Artikel >>>), dann hatte sie sich nach den ersten beiden Michele-Kollektionen von Gucci erhofft, dass nun die Quintessenz des neuen Looks gezeigt wird. Diese Winterkollektion wirkt wie eine Erweiterung des von ihm bisher Gezeigten. Da gebe ich ihr Recht. Aber ist das nicht auch genau das, was wir uns von großen Modehäusern wünschen (und selten bekommen): eine klare Handschrift?

Gucci Herbst/Winter 2016

Micheles Gucci-Handschrift ist die des Eklektizismus. Und wie die gefeierte Jungmarke Vêtements setzt er althergebrachte Kleidungsstücke neu zusammen. Seine Achtzigerjahre-Schultern sind auf jeden Fall breite Schultern der heutigen Zeit und damit neu interpretiert. Er kombiniert die Jahrzehnte, wie es stilsichere Style-Visionäre tun. Auf diese Art und Weise gelingt es ihm auch, Gucci-Merkmale wie die grün-roten Streifen oder die verschlungenen Gs (die für den Firmengründer Guccio Gucci stehen) zu integrieren – das mag die Lösung eines Stylisten sein, aber auch eine sehr zeitgemäße und eine der Marke zuträgliche. Ich gehöre jedenfalls der Gruppe an, die etwas länger braucht, um sich an den Berliner Flohmarkt-Chic aus Chinoiserie, Sechzigerjahredrucken und paillettenbestickten Tüll zu gewöhnen und es wäre doch schade, wenn es diese Teile nicht mehr zu kaufen gäbe – dann, wenn ich auch mal zuschlagen möchte.

Gucci Herbst Winter 2016 2017 Modepilot
Klassische Gucci-Elemente wie der Bambus-Henkel in Micheles neuem, alten Mustermix

Gucci Chinoiserie Herbst/Winter 2016

Die fernöstliche Romantik mit ihren Chinoiserie-Motiven auf weiten, gefütterten Seidenmänteln kam Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa in Mode. Michels Kollektionen sind wie ein zerfleddertes und neu zusammengesetztes Modelexikon, nur besser.

Gucci Herbst Winter 2016 2017 ModepilotGucci Herbst Winter 2016 2017 Modepilot ChinoiserieGucci Herbst Winter 2016 2017 Modepilot ChinoiserieGucci Herbst Winter 2016 2017 Modepilot Chinoiserie
Gucci Herbst/Winter 2016 Modepilot
Dieser Look ist für mich die perfekte Destillation: heute würde ich ihn genau so tragen

Mein Lieblingslook: Die gemusterte Seidenbluse mit Siebzigerjahre-Schluppe zum Blouson (Jacke mit Strickbündchen, modisch seit den Fünfzigerjahren) zur taillenhohen, weit geschnittenen Cordhose – ein 2016-Trend für die Damen.

Mustermix à la Michele

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Gucci Herbst/Winter Volants Modepilot
So Gucci, so neu!

Natürlich muss man auch die Einzelteile sehen. Wenn wir uns den oben stehenden Look ansehen, aus orangefarbenem Stricktop mit vielen Volants und dem Rock mit Horsebit-Druck, dann möchten wir mindestens eines der sieben Teile tragen, wenn auch eher nicht den Hut.

Strickvolants bei Gucci

Gucci Volants Herbst Winter 2016 2017 ModepilotGucci Herbst/Winter 2016 Modepilot
Gucci Mütze Modepilot 2016
Accessoires: In Sachen Kopfbedeckungen hat Michele den Hut auf!

Ist Michele auf dem richtigen Weg?

Photo Credit: Catwalkpictures

Modepilot
Modepilot ist Deutschlands erster Modeblog. Mit seiner Gründung in 2007 war und ist er Vorreiter der unabhängigen Mode-Berichterstattung. Noch heute wird die Seite leidenschaftlich von Mitgründerin Kathrin Bierling geführt. Sie ist eine ausgebildete und erfahrene Journalistin, die zunächst bei der Financial Times lernte und arbeitete und dann einige Jahre bei der WirtschaftsWoche beschäftigt war, bevor sie die Seiten Harpersbazaar.de, Elle.de und InStyle.de verantwortete. An Modepilot liebt sie, dass sie die Seite immer wieder neu erfinden muss, um am Puls der Zeit zu bleiben. Worin sie und ihre Autoren sich stets treu bleiben: Den Leser ernst nehmen, nicht sich selbst.

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