Unberechtigter Shitstorm oder wohl verdiente Kritik?
Die deutsche Elle, bzw. deren Führungsspitze, lernt gerade, dass schwarze Models keine Trenderscheinung sind. Von selbst kam sie da nicht drauf.
Da musste erst ein internationaler Shitstorm her, ausgelöst gestern durch einen Post der Modepolizei @diet_prada (New York), die die Seite des deutschen Magazins zeigte und für seine internationale Leserschaft ins Englische übersetzte. Darauf folgte ein Re-Post von Supermodel Naomi Campbell, die dabei der deutschen Chefredakteurin Nachhilfe in Sachen Diversity anbietet und erklärt, warum es sich nicht gut anfühlt, aufgrund seiner Hautfarbe einem Trend zu unterliegen.
Ist dieser Shitstorm gerechtfertigt oder nicht?
Lässt sich diese Heftseite rechtfertigen? Heute Morgen um 10 Uhr entschuldigte sich die Chefredakteurin auf Instagram mit einem offiziellen Statement. Auf den Post von Naomi Campbell, in dem ihr das Supermodel ein Gespräch anbietet, geht sie dabei nicht ein. Stattdessen beginnt sie mit: „In unserer aktuellen Ausgabe beleuchten wir die Farbe Schwarz von verschiedenen Gesichtspunkten. Eines der Themen davon war, schwarze Frauen, die als Models in der Modeindustrie arbeiten. ..." Das Motto des Magazins lautet: „Back to black”. Dass „Black is back” über der Seite mit den Fotos von schwarzen Models prangt, wäre aber so nicht gemeint gewesen, heißt es weiter. Da hätte man sensibler sein müssen.
So sensibel muss man aber gar nicht sein, um sofort zu erkennen, dass eine Hautfarbe nicht mit einer modischen Trendfarbe in Verbindung gesetzt werden kann. Darauf machten Redakteure der Elle übrigens im Vorfeld aufmerksam, wurden aber nicht erhört. Das erfuhr ich aus Redaktionskreisen. Umso schlimmer, dass sich Sabine Nedelchev nun im Namen der Redaktion entschuldigt und die Schuld nicht allein auf sich nimmt. Denn auch das gehört zu ihren (leider vergessenen) Aufgaben: sich vor ihr Team zu stellen. Andere Aufgaben, denen sie offensichtlich nicht nachkommt: verantwortliche Umsetzung von Themen, relevante Themen, ihren Redakteuren zuhören.
Deutsche Elle: Das ist mehr als nur Schlamperei
Dass am Arbeitsprozess der deutschen Elle etwas nicht stimmen kann, wird mit so einem Vorfall offenkundig. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Da steht im Vorspann auf Seite 82: „Nie waren MODELS OF COLOR so gefragt wie jetzt”, was ja im Prinzip nur noch einmal zeigt, dass man hier tatsächlich von einem Trendphänomen im Zusammenhang mit einer Hautfarbe spricht.

Und es wird nicht besser. Ein anderes der sechs schwarzen Models wird auch noch verwechselt: Naomi Chin Wing als Janaye Furman vorgestellt. Das ist natürlich besonders schwierig, wenn man sie gleichzeitig als „großartige Frau” bezeichnet, die „uns” auch „abseits der Laufstege” inspiriert.
Model Joan Smalls, die ebenfalls zu den Auserkorenen zählt, dürfte sich zudem darüber wundern, ausgerechnet jetzt gefragt zu sein. Schließlich wurde sie 2012 bei den Style Awards zum „Model of the Year” gekürt und kann ihre Covers längst nicht mehr zählen, allein 19 bei der Vogue. Keine Ahnung, in welcher Welt die Damen von der Elle leben, aber nicht in der realen Modewelt.
Und auch in keiner, in der ich leben möchte. Denn Menschen einer Hautfarbe zuzuordnen und sie dann als „gefragt” zu bezeichnen, bedeutet, dass sie es in der nächsten Saison schon nicht mehr sein könnten. Hinzu kommt ein rein hellhäutig bestückter Instagram Account plus Duchess of Sussex (Meghan Markle). Als Kaffeetasse oder Hundewelpe wird man von diesem Modemagazin dort eher gefeatured als als schwarzes Model.
Dabei war das letzte Cover mit einem schwarzen Model, die Februarausgabe 2014 mit Liya Kebede, damals seit Langem das erfolgreichste. Das berichtet mir eine ehemalige Redakteurin und das bestätigt mir die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin. Zumindest ging man seinerzeit mit dieser Nachricht hausieren. Zuvor hieß es, auch bei anderen Magazinen, Cover mit schwarzen Models verkaufen sich nicht gut. Das wurde dann gern mit dem Identifikationsfaktor für die deutsche Leserin gerechtfertigt.
Doch, wo es nur um Zahlen und nicht etwa um Menschlichkeit geht, hilft vielleicht die Keule der Anzeigenkunden, von denen die Magazine letztendlich (noch) leben. Pierpaolo Piccioli, Valentinos Chefdesigner, hat zum Instagram-Post von Naomi Campbell jedenfalls schon applaudiert.
Photo Credit: Modepilot

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