Die Debüt-Kollektion von Glenn Martens für Diesel
Kathrin Bierling

Die Debüt-Kollektion von Glenn Martens für Diesel

Diesel stellt sich für die Zukunft neu auf. Der neue Kreativchef Glenn Martens (Y/Project) stellt Kleidungsstücke grundsätzlich in Frage, am liebsten besonders gängige. So wird bei ihm ein Hemd so konzipiert, dass man es gar nicht richtig zuknöpfen kann. Ein Polohemd hat den Kragen entweder Richtung Schulter gerichtet oder ein weiteres vorne dran genäht. Es besteht also immer die Gefahr, verpennt auszusehen. Nur unter aufmerksamen Zeitgenossen und Modeleuten ist das Gegenteil der Fall.

Dieses„Uplifting“, wie wir es in der Modeszene gerne nennen, verpasste Renzo Rosso, der kürzlich auch die Marke Jil Sander erwarb, nun seiner Denim-Marke Diesel. Und das ist aus vielerlei Hinsicht geschickt. Denn Martens verschafft der Marke, die in den Neunzigerjahren berühmt für die 'Saddle'-Jeans und das Irokesen-T-Shirt war, wieder Respekt. Gleichzeitig zollt er dem Erbe Tribut mit einer 'Diesel Library'-Kollektion. Und damit die Neuaufstellung von Meinungsbildnern auch wirklich angenommen wird (und, weil es seine persönliche Überzeugung ist), werden u.a. Diesel-Textil-Altbestände für neue Kollektionen verwendet.

Glenn Martens für Diesel, Frühjahr/Sommer 2022

Dass Martens mit seiner Debüt-Kollektion die Neunzigerjahre aufgreift, liegt Nahe. Es war die bislang erfolgreichste Zeit der Marke und Neunzigerjahremode ist nicht nur eh sein Ding, sondern jetzt auch so begehrt, wie seit damals nicht mehr. Also geht uns das Herz auf, als wir den Look und die Ähnlichkeit des Models, der Hauptprotagonistin im Kollektionsvideo, mit Franka Pontente im Film „Lola rennt“ (1998) wiedererkennen.

Glenn Martens für Diesel, Frühjahr/Sommer 2022
Model im 'Lola rennt'-Look von Glenn Martens für Diesel, Frühjahr/Sommer 2022

Der Film von Tom Tykwer gewann damals einen Goldenen Löwen in Cannes und wurde später immer wieder aufgegriffen, sogar von den Simpsons. Der Verweis macht also nicht nur uns Deutschen Freude.

Lola rennt und rennt damals, wie jetzt das Model, an allen möglichen Leuten vorbei. Nur tragen die Leute im Diesel-Video Kleider, die man sich anschließend genauer ansehen möchte.

Erst dann erkennt man, dass das Bauchfrei-Top und der locker hängende Gürtel heute − ­anders als damals − zusammenhängen und irgendwie cool aussehen! Es ist eine typische Glenn Martens-Idee. Plus: Gürtel sollen im Mittelpunkt der Kollektion stehen. Das zeigt, dass Martens sich treu bleiben und gleichzeitig großes Modehaus kann.

Glenn Martens für Diesel Modepilot
Glenn Martens für Diesel, Frühjahr/Sommer 2022

Auch an den anderen Looks kann ich mich kaum sattsehen. Diese Bomberjacke ist aus Diesel-Stoffresten hergestellt und, wie vieles in der Kollektion, geschlechtsübergreifend gedacht. Bei der Trainingshose kann man seinen berühmten Umschlag am Bund erkennen, der hier anders aber mindestens so passend angebracht ist.

Glenn Martens Modepilot Diesel
Glenn Martens für Diesel, Frühjahr/Sommer 2022

Und natürlich muss die Radlerhosen-Form noch einmal bemüht werden, aber wie? Martens kennt die Antwort und stellt eine aus Leder vor, die man auch zum Oktoberfest nächstes Jahr (hoffentlich) tragen könnte. Darunter wieder eine Jeanshose, die in spitze Stiefel übergeht, seine Paradedisziplin. Bei den Männern geht sie in Cowboystiefel über. Wie man diese wäscht, erfahre ich hoffentlich ganz bald.

Glenn Martens für Diesel ModepilotGlenn Martens für Diesel ModepilotGlenn Martens für Diesel ModepilotGlenn Martens für Diesel ModepilotGlenn Martens für Diesel Modepilot

Photo Credit: Diesel

Modepilot
Modepilot ist Deutschlands erster Modeblog. Mit seiner Gründung in 2007 war und ist er Vorreiter der unabhängigen Mode-Berichterstattung. Noch heute wird die Seite leidenschaftlich von Mitgründerin Kathrin Bierling geführt. Sie ist eine ausgebildete und erfahrene Journalistin, die zunächst bei der Financial Times lernte und arbeitete und dann einige Jahre bei der WirtschaftsWoche beschäftigt war, bevor sie die Seiten Harpersbazaar.de, Elle.de und InStyle.de verantwortete. An Modepilot liebt sie, dass sie die Seite immer wieder neu erfinden muss, um am Puls der Zeit zu bleiben. Worin sie und ihre Autoren sich stets treu bleiben: Den Leser ernst nehmen, nicht sich selbst.

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