Nichts ist so schick, wie nix Neues zu kaufen
Kathrin Bierling

Nichts ist so schick, wie nix Neues zu kaufen

Es gab bessere Zeiten, Modeblogger zu sein. Worüber schreibt man, wenn es uncool ist, sich neu einzukleiden? Ein neues Outfit wirkt in Zeiten kalkulierter Überproduktionen und Vermüllung des Planeten geradezu ignorant und vulgär.

Nichts ist so schick, wie nix Neues zu kaufen

Konsum-Autor Carl Tillessen schrieb vor ein paar Tagen auf profashionals.de: „Vor der Pan­de­mie bedeu­te­te „nach­hal­ti­ger Mode­kon­sum“ für die Mehr­heit, dass man nach­hal­ti­ge Mode kon­su­miert. Den Gedan­ken, dass man auch weni­ger Mode kon­su­mie­ren könn­te, hat­te damals hin­ge­gen nur eine Min­der­heit, näm­lich ein Drit­tel der Leu­te. Durch die Pan­de­mie haben sich die­se Mehr­heits­ver­hält­nis­se umge­kehrt, so dass jetzt zwei Drit­tel aller Men­schen die Umwelt und das Kli­ma schüt­zen wol­len, indem sie dazu bei­tra­gen, dass weni­ger Klei­dung gekauft wird.“

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Vintage-Mode: die klassische 'Motorcycle/City Bag' (erstmals 2001 entworfen) von Balenciaga bei der Schiaparelli Fashion Show dieses Jahr in Paris

Das merken wir alle an uns selbst. Jede Kaufentscheidung wird öfter überdacht als früher und endet meist in: Ich fühle mich besser, wenn ich das jetzt nicht kaufe. Oft tut es der Pullover aus dem letzten oder vorletzten Jahr genau so gut. Dennoch möchte man zwischendurch etwas Neues für seine Garderobe, um sie etwas aufzufrischen, oder einfach nur das Belohnungssystem anwerfen.

Braucht man wirklich so wenig?

Viele, sogar die, die von neuen Trends leben, suchen sich jetzt in der Vintage-Mode ihr neues „gutes Gefühl“. Genau genommen sind es sogar gerade diejenigen, die in der Mode arbeiten. Wie es Virgil Abloh (Off-White, Louis Vuitton), der bis zu seinem frühen Tod im vergangenen Jahr, der erfolgreichste Designer unserer Zeit war, vorhersagte: „I think that like we’re gonna hit this like, really awesome state of expressing your knowledge and personal style with vintage – there are so many clothes that are cool that are in vintage shops and it’s just about wearing them. I think that fashion is gonna go away from buying a boxfresh something; it’ll be like, hey I’m gonna go into my archive.“ (>>>).

Und die, die (noch) kein großes Archiv besitzen, kaufen eben Vintage. Darüber sprach ich vor zwei Jahren mit Kerstin Weng, der heutigen deutschen Vogue-Chefin, in der Vintage-Folge meines Podcasts 'Das trägt man jetzt so' (>>>). Darin verrät sie, dass sie am liebsten bei Re-See, einem Vintage-Onlineshop aus Frankreich, nach besonderen Fundstücken schaut. Damit zeigt sie, wie Abloh es wohl auch meinte, ihr Wissen über Mode, über die Umstände in der Welt, und ihren persönlich Stil.

Street Style dieses Jahr bei der Mailänder Modewoche
Bleibt ein guter Schuh: Street Style dieses Jahr bei der Mailänder Modewoche − Dieser Prada-Schuh von 2018 (>>>) ist eine Wiederauflage von 2012

Vintage-Mode − ein aktuelles Beispiel

Jetzt ist Mantel- und Stiefelzeit, wenn man die Ersteller von Onlineshop-Newslettern befragt. Das heißt, modisch interessierte Menschen überlegen sich gerade, dahingehend eine Neuanschaffung zu tätigen. Da stellt sich die Frage: Chunky Boots, also Stiefel mit einer sehr dicken Gummisohle, um die alte Rock-Garnitur an den Puls der Zeit zu führen, oder alte Modelle im Archiv finden und seinen eigenen Stil kreieren. Klassiker wären Cowboyboots, Reiterstiefel oder Lederstrumpfstiefel, wie jene von Stuart Weitzman. Letztere gibt es seit 10 Jahren und man bekommt sie gerade erstaunlich günstig (100 statt 1.000 Euro) bei Vestiaire Collective und anderen Secondhand-Plattformen.

Doch auch fürs Secondhand-Schnäppchen hat Carl Tillessen eine nüchterne Erklärung: „Um den kalten Entzug von Fast Fashion zu schaffen, brauchen sie einen Ersatz (damit meint er wohl uns, Anm. d. Red.). Der Konsum von Second Hand ist für sie eine Art Methadon. Es ist die neue Form schnellen und billigen modischen Ausdrucks – mit einem wesentlich kleineren ökologischen Fußabdruck.“

Na immerhin: Wenigstens ist das Ausleben des Jäger-und-Sammler-Triebes (oder sollte ich es 'Sucht' nennen?) weniger umweltschädlich als früher.

Photo Credit: Catwalkpictures

Modepilot
Modepilot ist Deutschlands erster Modeblog. Mit seiner Gründung in 2007 war und ist er Vorreiter der unabhängigen Mode-Berichterstattung. Noch heute wird die Seite leidenschaftlich von Mitgründerin Kathrin Bierling geführt. Sie ist eine ausgebildete und erfahrene Journalistin, die zunächst bei der Financial Times lernte und arbeitete und dann einige Jahre bei der WirtschaftsWoche beschäftigt war, bevor sie die Seiten Harpersbazaar.de, Elle.de und InStyle.de verantwortete. An Modepilot liebt sie, dass sie die Seite immer wieder neu erfinden muss, um am Puls der Zeit zu bleiben. Worin sie und ihre Autoren sich stets treu bleiben: Den Leser ernst nehmen, nicht sich selbst.

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